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Ende gut

7. November 2012 Kommentare aus

Wie die Sympathien in dem alten Gebäude in Manhattans Chinatown an diesem Abend verteilt sind, wird schnell klar. Als mit Illinois der erste Bundesstaat an Obama geht, brandet auch der erste Applaus auf. Es folgt Massachusetts – wieder an Obama, wieder Applaus. Als dann wie erwartet Tennessee an Mitt Romney geht, folgt auch in der Halle die erwartete Reaktion: “Buuuh”, rufen die, die  es rechtzeitig für die ersten Hochrechnungen hergeschafft haben. Niemand ist hier für den republikanischen Kandidaten.

Denn ins DCTV haben die jungen Progressiven der Stadt zum “Drinking Liberally”-Abend geladen. Auffallend viele Männer tragen hier Pferdeschwanz und Karohemden, an denen “I only drink liberally”-Buttons prangen. Noch vor wenigen Stunden waren viele von ihnen an den Küsten der Region unterwegs, um von Sandy verwüstete Städte aufzubauen, im vergangenen Jahr campten sie auf dem Zuccotti-Park. Es herrscht ein wenig Müdigkeit, es war ein langer Tag und ein langer Wahlkampf. Es dauert, bis sich die Halle füllt. Wer kann, schnappt sich für ein paar Dollar ein Flaschenbier und ergattert einen der grauen Metallstühle.

“Das fängt doch ganz gut an”, sagt Justin Krebs, einer der Organisatoren des Abends nach den ersten Ergebnissen. Vor neun Jahren hat er die erste “Drinking Liberally”-Gruppe in New York mitgegründet. “I live like a Liberal” steht auf seinem T-Shirt. Justin meint es ernst. Jetzt steht er am Ende des Raums und blickt auf die große Leinwand, auf der minütlich neue Hochrechnungen eingeblendet werden. Doch wirklich entspannen kann sich noch niemand. Vor allem Florida macht ihnen Sorgen. Als Mitt Romney dort das erste Mal mit wenigen tausend Stimmen führt, wird es still im Raum. “Bloß keine Neuauszählung”, flüstert ein junger Mann neben mir. Die Frage, für wen er sei, kann ich mir sparen. “Für den good guy, wie Du wahrscheinlich auch.”

Um 21.15 Uhr holt Obama Pennsylvania. Um 21.20 Uhr ist der Abstand in Florida auf gut 1000 Stimmen zusammengeschrumpft. “Neuauszählung”, rufen die Ersten. “Fucking Florida” ein Anderer. Als um 21.28 Uhr überraschend Wisconsin, der Heimatstaat von Paul Ryan, an Obama geht, küsst sich vor mir ein junges Paar.

Einen Präsidenten Romney will sich hier niemand vorstellen. “Sandy hat uns eine Ahnung davon gegeben, wie es in Zukunft aussehen wird, wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun”, sagt Josh Bolotsky. Der stämmige Amerikaner im Kapuzenpulli verwendet Schlagworte, die so gar nicht zur Agenda der Republikaner passen. “Wir müssen die Macht der Finanzmärkte brechen” und “die Reichen müssen zurückgedrängt werden”. Aber jetzt muss erstmal diese Nacht überstanden werden.

Vorne auf der Leinwand zieht sich der Abend. Zu viel Bier, zu wenig Klahrheit. Immer wieder werden dieselben Ergebnisse eingeblendet, nur vereinzelt kommt noch Applaus auf, wenn jemand nicht mitbekommen hat, dass Elizabeth Warren den Senatssitz schon seit 20 Minuten sicher hat. Die meisten haben sich abgewendet, tippen auf ihre Smartphones ein und suchen dort nach interaktiven Wahlkarten und virtuellen Antworten. Es sei einfach weniger “Magic” als vor vier Jahren, ruft mir Justin im Vorbeigehen zu.

Um Punkt 23 Uhr kommt Kalifornien und damit wieder Stimmung in die Halle. Natürlich geht der Staat wie erwartet an Obama, aber plötzlich steht da ein komfortabler Vorsprung auf der Leinwand, der hoffen lässt. Nur Fußball-WM ist schöner.

Dann plötzlich geht alles viel schneller als gedacht. Obama kann überraschend im Mittleren Westen punkten. Um 23.13 Uhr steht fest: Der 44. Präsident der USA heißt Barack Obama. Die trunkenen Liberalen um mich herum springen auf, umarmen sich, wahlmüde ist plötzlich niemand mehr. “Ab sofort sind alle Getränke einen Dollar billiger, zu Ehren unseres Präsidenten Barack Obama”, verkündet der Lautsprecher. “Ich bin wirklich überrascht”, sagt Josh Bolotsky.

Florida interessiert da schon niemanden mehr.

Zu früh gefreut

6. November 2012 Kommentare aus

Geht es nach NBC, ist die Wahl schon gelaufen. Der US-Sender stellte am Montag etwas voreilig seine interaktive Grafik für die Wahlnacht online. Und übersah dabei zunächst, dass er das Ergebnis darin schon vorweggenommen hatte. In der inoffiziellen NBC-Wahl vom 5. November setzte sich Obama mit 280 Wahlmännern knapp gegen seinen Herausforderer durch – und konnte sich sogar die wichtigen Swing States Ohio und Iowa sichern. Ob das nun Wunschdenken ist oder nicht, sei dahin gestellt. Inzwischen ist der Fehler behoben – und die Grafik wartet nun auf die tatsächlichen Ergebnisse.

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Wissen was zählt

3. November 2012 Kommentare aus

Es war ja nicht mehr auszuhalten, wie selbst die Mainstream-Medien in den USA seit Wochen, ja Monaten die Wahrheit verdrehen. Jede neue Meldung aus der Wirtschaft wurde da zum eigenen Vorteil umgedeutet. Gut, dass damit jetzt Schluss ist!

Ausgerechnet die Tea-Party-Bewegung, die man doch bisher nicht als Maß aller Dinge betrachtet hätte, sorgt nun für Aufklärung. Vor wenigen Tagen ging mit dem “Tea Party News Network” die – Zitat – “einzig verlässliche Nachrichtenquelle und das Antidot zu den befangenen Mainstream-Medien” online.

Ein ganzer “Kriegsraum” voller aufrichtiger Tea-Party-Journalisten soll von Las Vegas aus die Wahrheit über das Land verbreiten.  In der Wahlnacht selbst will das Network mit eigener Video-Liveberichterstattung dagegenhalten. Man brauche all die CNNs und NBCs nicht, die einem erzählten, was wichtig sei und was nicht, heißt es in der Pressemitteilung. “Endlich hat die Tea Party-Bewegung ein Zuhause, dem sie trauen kann.”

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Unter Beobachtung

1. November 2012 Kommentare aus

Wahlbeobachter, das kennt man aus dem Kongo oder aus Simbabwe. Aber doch nicht aus den USA, dem freiesten aller freien Länder! Weit gefehlt. Auch in den USA sind seit einigen Tagen Mitarbeiter internationaler Organisationen unterwegs, um sicherzustellen, dass bei der Wahl am 6. November alles seine Ordnung hat.

Ganz unberechtigt scheint das nicht, wenn man sich an den hauchdünnen Sieg von George W. Bush über den Demokraten Al Gore erinnert. Wenige hundert Stimmen Vorsprung in Florida reichten am Ende, um Bush zum Sieger zu erklären. Eine Neuauszählung wurde gestoppt, bis heute ist der Wahlausgang hoch umstritten. Immer wieder gibt es auch jetzt Meldungen von Fällen, in denen die Registrierung unnötig schwer gemacht wird, Wähler vom frühzeitigen Wählen abgehalten oder gar nicht erst zugelassen werden, weil sie angeblich nicht die richtigen Unterlagen dabei haben.

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Romney und der Wasserspiegel

30. Oktober 2012 Kommentare aus

Wenn Sandy etwas Positives hatte, dann wohl die Tatsache, dass in den vergangenen Tagen erstmals im Wahlkampf über den Klimawandel gesprochen wurde (wir berichteten).

Erstmals? Nein. In seiner Rede auf der Republican National Convention im August hatte Romney das Thema kurz erwähnt. Allerdings nur, um seinen politischen Gegner anzugreifen. “Präsident Obama hat versprochen, den Anstieg der Ozeane zu stoppen und den Planeten zu heilen”, rief Romney seinen Zuhörern belustigt entgegen. Er verspreche dagegen, den amerikanischen Familien zu helfen.

Einen Tag nach Sandy wirkt das etwas makaber. Die Demokraten greifen den Spruch deshalb jetzt genüsslich auf.

Danke, Ann.

30. Oktober 2012 Kommentare aus

Es gibt Menschen, auf die ist einfach Verlass. Ja, ich gebe zu: Auf der Suche nach Ideen habe ich einfach mal “Ann Coulter” und “Sandy” bei Google eingegeben. Und siehe da: Die Anwältin, Kommentatorin, Autorin und selbst ernannte Ikone des Konservatismus hat das Thema natürlich schon aufgegriffen. Und natürlich hat sie dabei eine Möglichkeit für einen Seitenhieb auf Obama gefunden.

Nun muss man wissen, dass sich Ann Coulter mit diesen Worten arg zurück hält. Denn üblicherweise greift die kühle Blonde in die Vollen und wettert gegen alles, was auch nur entfernt nach demokratisch, liberal oder progressiv riecht. Eine Woche ist es gerade mal her, da sorgte sie wieder für Aufregung. Nach der finalen Fernsehdebatte zwischen dem Präsidenten und seinem Herausforderer meldete sich Coulter ebenfalls zu Wort. “I highly approve of Romney’s decision to be kind and gentle to the retard”, tweetete sie in die Welt hinein. Also etwa: Ich bin sehr einverstanden mit der Entscheidung Mitt Romneys, lieb und nett zu dem Zurückgebliebenen zu sein.

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Empfehlung von oben

26. Oktober 2012 Kommentare aus

Wenn in den USA die Wahlen näher rücken, werden die Chefredaktionen nervös. Traditionell greifen sie deshalb wenige Tage vor dem großen Tag in die Tasten, um die Wähler auf die eine oder die andere Seite zu ziehen – auf die, auf der sie selbst stehen. Für die Kandidaten hat die Unterstützung der Blätter noch immer Gewicht, auch wenn der tatsächliche Einfluss angesichts sinkender Leserzahlen umstritten ist.

Das American President Project dokumentiert das Zeitungsrennen. Nach der Los Angeles Times – die sich auf die Seite der Demokraten schlägt – haben sich nun auch die Washington Post und die New York Post positioniert. Wenig überraschend: Die New York Post hofft auf einen Sieg Romneys, die Washington Post setzt wie vor vier Jahren auf Obama. Von den Großen lässt nur die New York Times ihre Leser weiter zappeln, während sich viele der “Kleinen” längst mit Verve ins Gefecht gestürzt haben.

Kurze Anweisungen reichen bei den “endorsements” natürlich nicht. Die Redaktion der Regionalzeitung The Plain Dealer aus Cleveland holt weit aus. “Vor vier Jahren hat die Chefredaktion dieses Landes begeistert ihre Wahlempfehlung für Barack Obama ausgesprochen”, schreibt das Blatt aus dem wichtigen Swing State Ohio in seiner mehrseitigen Empfehlung. Für den Demokraten sei man noch immer, heißt es weiter, aber man verspüre dabei weniger Enthusiasmus. Weiterlesen…

Doppelter Schlagabtausch

22. Oktober 2012 Kommentare aus

Heute Abend kommt es zum großen Schlagabtausch der beiden erbitterten Rivalen. Millionen Amerikaner werden einschalten, um zu sehen, wer das Feld als Sieger verlässt. Die Rede ist allerdings nicht von der finalen Debatte zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem konservativen Herausforderer Mitt Romney.

Denn zeitgleich zu Obama und Romney findet noch ein anderer, mindestens ebenso wichtiger Kampf statt: Die Spitzenbegegnung zwischen den Chicago Bears und den Detroit Lions in der amerikanischen Football-Liga NFL. Kein Sport ist den Amerikanern wichtiger, keine Disziplin enger mit dem Selbstverständnis des Landes verknüpft. „Die eigentliche Debatte wird auf dem Spielfeld ausgetragen“, poltert der größte Sportsender des Landes, ESPN, wortgewaltig in der Spiel-Ankündigung.

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Paul Ryan in der Suppenküche

19. Oktober 2012 Kommentare aus

Man kann es Paul Ryan kaum verübeln, dass er den Kontakt zum Volk sucht. Schließlich lässt sich auch US-Präsident Barack Obama gerne mal beim “Bear Hug” mit einem Barbesitzer in Florida oder beim Bro-Check mit dem Putzpersonal des Weißen Hauses ablichten. Auf Augenhöhe mit dem Volk, das kommt an, das schafft Nähe, und bringt am Ende hoffentlich auch Wähler.

Also ließ sich der republikanische Vizepräsidentenkandidat mit seiner Frau Janna auf einen Sprung beim Tellerputzen in einer Suppenküche in Youngstown ablichten. Und hoffte, mit jedem blanken Teller ein paar unentschlossene Wähler im Swing State Ohio und dem Rest des Landes auf seine Seite zu ziehen. Weiterlesen…

Let’s get fiscal

16. Oktober 2012 Kommentare aus

„Hey Baby, it’s me”, säuselte das Obama-Girl vor vier Jahren auf Youtube ins Telefon des damaligen Präsidentschaftskandidaten – und wurde mit dem Song „Crush on Obama“ zur Internet-Sensation des Wahlkampfs 2008.  „Universal Health Care reform, it makes me warm”, schmachtet das Obama-Girl da, während es knapp bekleidet durch New York tänzelt oder „you can Barack me tonight, you tell the truth unlike the right”.  Dutzende Videos folgten, bis heute wurden sie über 120 Millionen Mal angeklickt, Fernsehsender und Talkshows stürzten sich auf die Dame. Das Magazin Newsweek adelte das Obama-Girl kürzlich zu einem der Top 10 Internet-Meme des Jahrzehnts.

Jetzt endlich haben auch die Republikaner ihr eigenes Girl.

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